Marylin

Marylin, oder alles was brennt ist gut für Wunden
Das Blue Coral war  1977 noch eines der puren Luxushotels.  Außen unscheinbar, Beton  und kahl mit einem winzigen Namensschild am Eingang. Durch einen Gang mit zwei kleinen Schmuckläden links und rechts betraten wir die Rezeption. Sehr geschmackvoll mit riesigen Batiken und Masken an den Wänden. Beim Empfang wurden wir begrüßt wie Könige und zwar von einer Königin, namens Sheerane. Sie war traumhaft schön, mit einer Stimme wie Samt, einem Sari aus  dunkelgrüner Seide, abgesetzt mit Goldfäden. Wir sollten noch einiges mit ihr erleben. Sheerane beorderte zwei  Bedienstete unser Gepäck auf das Zimmer zu befördern. Diese Traumgestalt verabschiedete uns mit einem unvergleichlichen Lächeln, wünschte uns einen unvergesslichen Aufenthalt und  mit dem Hinweis uns jederzeit zur Verfügung zu stehen. Es war alles unwirklich, über plätschernde Bäche, durch aus   Bambus überbauten Pavillons , indirekter Beleuchtung , alles ausgestattet mit antiken Möbeln, geschmackvollen Dekorationen, folgten wir den jungen Männern, die mit einer Selbstverständlichkeit nur in einen Wickelrock bekleidet, stolz und liebenswürdig lächelnd uns den Weg zeigend unser Gepäck schleppten. Die sehnigen Körper trugen  alle Gepäckstücke ohne auch nur den Ansatz von Schweiß zu zeigen. Ich triefte nur so und war total durchgeschwitzt, nur vom hinterherlaufen und die Beiden schwebten lautlos, barfüßig mit dem Gepäck vor uns her. Im Zimmer angekommen, stellten sie unsere Sachen ab, verbeugten sich lächelnd, die Hände vor der Brust gefaltet und verließen den Raum rückwärts.

Ob es die Hitze war, die Übermüdung der langen Reise, oder der beeindruckende Empfang,  stumm wie die Fische starrten wir uns an und brachen in ein herzhaftes Lachen aus. So was hatte ich zumindest noch nicht erlebt, obwohl ich wirklich in Europa schon in einigen Hotels Quartier nehmen musste, sei es aus beruflichen oder privaten Gründen. Man kam sich hier vor wie ein Großmogul.

Aber jetzt erstmal Klamotten runter, Koffer auspacken, einräumen und dann……. duschen. Das einzige was noch zählte duschen, duschen, duschen. Ausgiebig, kalt, kalt??? Heißes Wasser kam aus der Brause, obwohl es kein heißes Wasser gab!! Wuffi erklärte es mir. Auf dem Dach des Hotels befanden sich Zisternen, die das Wasser für Dusche und Bad im allgemeinen auffing, sich durch die Sonne aufheizte und erst nach einigen Minuten kühler wurde. Na Gott sei Dank.

Erfrischt, die Müdigkeit war wie weggeblasen, erleben, schauen, trinken, erkunden das war meine Devise. Wuffi wollte pennen, ich nicht. So machte ich mich auf den ersten Erkundungsgang, mache ich immer, um mir den Weg einzuprägen. Verlaufen wollte ich mich ja nicht.

Die Hotelanlage, ein wahrer Garten Eden, Überall plätscherten kleine Wasserläufe von  Katarakten unterbrochen, mit Brücken, einladenden Sitzmöbeln und landesüblichen Dekorationen. Palmen spendeten Schatten, Im Hintergrund war auf dem Weg durchs Gelände immer ein unterbrochenes Rauschen zu hören, der indische Ozean. Vor einer Swimmingpoollandschaft machte ich halt. Vor mir dieser Pool, riesig in seinen Ausmaßen, umsäumt mit Hibiskus- und Bougainvillea-Büschen in leuchtenden Farben und dahinter das Meer, grünblau, mit einer Brandung, einfach traumhaft. Zwischen  Pool und Meer ein fast weißer Sandstrand, nicht sehr breit, aber er gehörte zum Hotel und deshalb fast menschenleer. Einige typische Fischerboote, Katamarane, lagen dort und einige Kinder spielten zwischen den Booten. Eine Idylle, ein Paradies, ein Traum. Ein  kleines Holzgitter trennte den Gartenbereich vom Strand, Latschen aus und erstmalig den Sand Ceylons betreten, welch ein Gefühl. Endlich, endlich hier. Mein großer Traum hatte sich nach so langer Zeit erfüllt. Obwohl alles unwirklich, erschien, fühlte ich mich nicht fremd, eher so, als würde ich mich an etwas erinnern, was in meiner tiefsten Seele verborgen war, Heimat, zu Hause? In kaum einer Minute war ich umringt von mehreren Frauen, behängt mit Taschen, Klamotten und Ketten aus Muscheln etc. Die wieder loszuwerden, ein schier unmögliches Unterfangen……..

Da stand er vor mir, braune Pfirsichhaut, tiefschwarze strubbelige Haare, bekleidet mit einer viel zu großen Shorts, dünne Beinchen und Arme, schmuddelig, nein nicht schmutzig, eben so wie Kinder sein müssen, schmuddelig vom spielen. Aber dann……. der Augenaufschlag, unvergesslich, überlange Wimpern, tiefbraune große Augen, ein ernsthaftes Lächeln, wissend, bittend, schelmisch, kindlich erwachsen . Klingt paradox, aber anders kann ich ihn nicht beschreiben. Dieser Knirps verscheuchte mit hoher Stimme in Singhalesisch die Frauen. In einer Hand die hässlichste Abart eines Affen, geschnitzt aus einer Kokosnuss, die andere Hand auf dem Rücken verborgen. „You want? Cheap price!“ Ich konnte den Jungen nur ansehen, schelmisch grinsend, ca. 10 bis 12 Jahre alt, „ 100 Rupies, cheap price!“- dieser Augenaufschlag, „ for medicin „  Man hört ja so viel, Medicin, ha, sicher Drogen, „ für was brauchst du denn Medicin fragte ich in meinem nicht sehr guten Englisch. Zögernd zog er die Hand hinter seinem Rücken hervor, bei dem Anblick der sich mir bot, bekam ich eine Gänsehaut. Das Gelenk, dick geschwollen, umwickelt mit einem vor Eiter, Blut und Dreck starrendem Lappen. Ich war der Meinung das ist ein Fall für den Doktor, aber er lehnte kategorisch ab: “Nehe doctor is expensive money nehe“. Was tut man in solchen Situationen? „Bleib hier, ich komme gleich wieder!“ Ich  habe immer Verbandszeug mit auf Reisen. Aber etwas zum desinfizieren???? Na ich lief zurück, in Gedanken an eine Blutvergiftung erst mal zur Rezeption. Radebrechte mein Anliegen der lächelnden Sheeranee, der Gesichtsausdruck wurde etwas fragend, unverständlich.  Mit Händen und Füssen versuchte ich ihr die Situation zu erklären, freundliches Lächeln und der Hinweis:“ its a Beachboy , he will help himself.“ „ Nee, so nun auch wieder nicht. Ich bedankte mich, rannte in unser Zimmer, holte den Verbandskasten, natürlich ohne Desinfektor! Gedankenblitz… Alkohol Wir hatten uns jeder einen Liter Schnaps gekauft, Wuffi seinen Whiskey und ich Gin. Buddel unter den Arm und wieder zurück zum Strand. Der Kleine, der seines Augenaufschlags und der Wimpern wegen schon einen Namen in meinem Kopf hinterlassen hatte, saß geduldig an der Stelle an der ich ihn zurückgelassen hatte schaute mich verwundert an verzog das Gesicht ängstlich und harrte der Dinge die auf ihn zukamen. Ich bedeutete ihm mir seinen Arm hinzuhalten. So vorsichtig wie möglich entfernte ich den Drecklappen, der schon anfing in die Wunde einzuwachsen, Es muss  höllisch weh getan haben, denn seine Augen wurden wässerig. Sonst verzog er bei der Prozedur keine Mine. Nachdem  der verkrustete Verband entfernt war, reinigte ich die Ränder er Wunde, die durch viel Glück nicht die Pulsader getroffen hatte mit Gin, ja, mit Gin. Es hat sicher fürchterlich gebrannt, aber Marilyn, so hatte ich ihn getauft – warum sollte dem geneigten Leser bekannt sein – diese Augen – verzog keine Miene, schaute nur gespannt auf mein Handeln und lächelte etwas verkrampft. Man soll es nicht für möglich halten, nach der Reinigung sah die Wunde frisch und bereit zum verbinden aus, ein hoch auf Hochprozentiges!!!  Wundsalbe, kühlend und ein schneeweißer Verband ließen sein Gesicht strahlen. Der zu verkaufende Kokosaffe war vergessen. Kein Betteln, kein Bitten um Rupien oder Toffees mehr.  Da die Hotelstrände  von Polizisten und hoteleigenem Wachpersonal kontrolliert wurden, Einheimische die Anlage nicht oder nur heimlich betreten durften, hielt er auch zum Zaun der Anlage Abstand, machte mir mit Gesten verständlich wieder zu kommen und mit einem wunderschönen Lächeln, dem für ihn unverkennbaren Augenaufschlag rannte er davon den Arm wie eine Fahne hochhaltend. Man hat auf Sri Lanka überall Augen und als ich den Rückweg antrat, wurde ich aus tausend dieser Augen lächelnd und anscheinend auch wohlwollend beobachtet.

Nun brauchte ich erst einmal selber etwas zum lindern und zwar etwas Hochprozentiges, für mein leibliches Wohl. In der Bar nahm ich dann meinen ersten Arrack mit Bier, man hatte es mir empfohlen. Bei der Wärme ein gefährliches Unterfangen, bekam mir aber gut und etwas beduselt aber irgendwie glücklich und zufrieden kam ich in unsre Bleibe  zurück, von Wuffi etwas erstaunt angeblickt. Ich erzählte ihm von meiner Begegnung mit Marilyn und der ersten Hilfe. Na den wirst du nicht mehr los meinte er und grinste.  Recht hatte er, am nächsten Morgen, nach dem Frühstück wollten wir eine kleine Shoppingtour unternehmen und als wir nach dem Frühstück das Hotel verließen, wer saß davor mit strahlenden  Augen…….. Marilyn.  Er folgte uns auf Schritt und Tritt, hielt uns die bettelnden Leute auf Abstand und war sehr hilfreich bei allen unseren Einkäufen, ein richtiger kleiner Berater. Wehe es versuchte uns jemand zu übervorteilen, Marilyn hatte seine Augen und Ohren überall. Für einige Tage war er unser ständiger Begleiter. Abends verabschiedete er sich, bekam natürlich den Verband erneuert und auch einige Rupien und morgens wenn wir zum Strand gingen oder in den Ort wollten, war er da. Seine Wunde verheilte prima!!

Als wir aber von unserer großen Rundreise zurückkamen war er verschwunden. Erst einige Jahre später traf ich ihn auf einer meiner Soloreisen  wieder, immer noch der gleiche Augenaufschlag, aber mittlerweile verheiratet und stolzer Vater.  Er bleibt mir aber unvergesslich! Übrigens war sein richtiger Name Lalith.