Der Zug

Unsere Träger verstauten das Gepäck in unserem Abteil, erhielten, wie mir schien viel zu wenig dafür und verließen uns mit Verbeugen, zusammengelegten Händen und dem obligatorischen Wackeln ihrer Köpfe. Da Wolfgang ja der Sparsame, wenn nicht sogar Geizige war, gerade wenn es um Kleinigkeiten ging, hatte ich die Fahrkarten beschafft – ich, als Neueinsteiger und Unwissender, fügte mich seinen Wünschen und stieg in dieses Vehikel aus der englischen Kolonialzeit. Was nicht heißen soll, dass alle Züge, bzw. Klassen, es gibt vier davon, gleich erscheinen. Es gibt da die Aussichtszüge mit Panoramascheiben und  Service, Polsterabteile, und die Holzkistenabteile. Nur die WC ’s sind überall gleich verdreckt. Einen schmeichelhafteren Ausdruck gibt es nicht!! Na ja, wir waren in einem Abteil aus Holzbänken, die man aber so drehen konnte, dass man die Aussicht besser genießen konnte und der Wagen hatte eine Aircondition. Bevor sich der Zug in Bewegung setzte wurde es laut, nicht vom Zuggeräusch, sondern von der Klimaanlage. Klappern, quietschen und Klopfgeräusche waren mit dem Einschalten verbunden. So lange der Zug stand war die Hitze fast unerträglich, nun aber, wir waren kaum fünf Minuten am fahren, überzog sich mein Körper mit einer Gänsehaut, denn es wurde urplötzlich eiskalt in unserem Abteil. Zuerst sehr angenehm, aber im Laufe der Fahrt froren wir wie die Schneider. Außerdem sind die Geleise derart ausgelatscht, dass es ein Wunder war, nicht seekrank geworden zu sein, so schaukelte dieses Ding. Alle zwei Minuten kamen dann noch irgendwelche Männer und Frauen durch die Waggons und hielten laut schreiend irgendwelche Erfrischungen und undefinierbare Esswaren feil. Ein Ausruf dieser Verkäufer war, ich werde es immer in Erinnerung behalten – Caju, Caju, Caju:  Nüsse, Nüsse, Nüsse. Die Händler kamen immer und immer wieder, gehend, kriechend, immer abwartend und schreiend. Wolfgang hielt mich davon ab etwas zu kaufen, denn, so seine Weisheit, wenn du etwas erwirbst, wirst du die nie wieder los. Dabei wollte ich den armen Menschen, die davon lebten, nur etwas gutes tun. Die Fahrt wollte kein Ende nehmen. Von drehbaren Sitzen aus hatte man einen grandiosen Ausblick, über ärmliche Behausungen, Müllberge, undefinierbare Gärten, die zum größten Teil aussehen wie bei uns überwucherte, ungenutzte Schrebergärten. Urplötzlich veränderte sich das Landschaftsbild. Zwischen Wolkenkratzern und modernen Geschäftsgebäuden  hindurch, ratterte der Zug in das Zentrum  und den Bahnhof von Colombo. War der Waggon  bislang überschaubar besetzt, wurde es jetzt binnen weniger Minuten unglaublich voll. Kaum zu glauben, was so ein Zugabteil für Platz hat. Mit Kind und Kegel, und vor allem Gepäck in jeder Form, von in Palmenblätter gewickelten Thunfischen, Pappkartons bis zu Hühnerkäfigen, drängelten sich die Passagiere in den Wagen. Wie gut dass wir unsere Plätze hatten. Ha, unsere Plätze??? Weit gefehlt. Mit freundlichem Lächeln, etwas drängeln und schubsen war auf der Zweiersitzbank doch Platz für fünf Mitreisende. Die Geräuschkulisse war unglaublich. Die Geruchsbildung ebenfalls. Nicht unangenehm, aber doch sehr exotisch. Endlich , nach schier endlos scheinender Zeit setzte sich der Zug in Bewegung. Erst noch vorbei an total unterschiedlichen Gebäuden, dann, die Häuser wurden immer kleiner und kleiner, bis sie zu Holzhütten mutierten, das Meer. Zweimal Meer, einmal in Form von Palmen, Palmen und wieder Palmen, dann der indische Ozean, es kribbelt einen bei dem Anblick überall. Einfach grandios. Die Brandung, ja, ja, wir fuhren teilweise so dicht am Ufer vorbei, dass die Brecher der Brandung neben uns zu verlaufen schienen.  So schaukelte dieses Verkehrsmittel aus der englischen Kolonialzeit uns dem Ziel entgegen, sechs Stunden lang. Vorbei an wunderschönen Villen, einfachen Hütten, durch riesige Palmenhaine und  immer wieder entlang der Küste. Ortschaften mit  fremdländischen Namen wie Kalutara, Bentota, Ambalangoda durchfuhren wir, oder hielten kurz, um Passagiere aufzunehmen, oder aussteigen zu lassen. Aber irgendwann kamen wir an unserem Ziel an. Hikkaduwa, Touristenzentrum an der Südostküste. Als wir aus dem Zug stiegen, hier mussten wir ja unser Gepäck noch selber tragen, waren wir in wenigen Augenblicken  wieder platternass, die schwüle Hitze war immens.  Da standen wir nun auf dem Bahnhofsvorplatz und warteten mit dem Gepäck auf einen Bekannten von Wuffi, namens Tilakkasiri. Umringt von den vom Flughafen schon bekannten  berockten Männern. Die es wohl unverständlich fanden , dass solche blassgesichtigen Menschen sich nicht helfen lassen wollten. Irgendwann aber kam der o.g. Tilakka in einem Vehikel auf drei  Rädern, TucTuc genannt. Lachend sprang er heraus, mit einem Gebiss, das jeder Zahnpastawerbung  Ehre gemacht hätte. Er begrüßte uns sehr freundlich und fing sofort an unser Gepäck in diese Knutschkugel zu bugsieren. Na wie er dass wohl alles unterbringen will, dachte ich so bei mir. Aber, wie ich später merken sollte, es geht alles, auch wenn es nicht geht. Diese TucTucs oder Threewheels  sind mehr als Motorroller mit Dach denn als Taxi zu bezeichnen. Vorne sitzt der Fahrer und auf der Rückbank ist entweder Platz für drei Singhalesen, oder höchstens zwei Europäern. Meint man, aber es ist fast unvorstellbar, wir gingen alle drei inklusive Gepäck hinein. Zwar mit quetschen und fast aufeinander sitzen, aber es ging, wie eben alles geht, mit Ruhe und Gleichmut. Mit Geknatter und Gehupe düsten wir dann zu unsrem Domizil. Dem Blue Coral.