Wie alles begann

Oh Gott, wie sieht er denn aus? Gedacht habe ich es, nur gedacht! Ich würde doch nie laut sagen, dass mein bester Freund wie ein Penner auf Asienreise geht. Als Beamter im mittleren Dienst auch noch.

Leicht provokanter Blick, die Haare wie Struwwelpeter, einen Anzug aus dem Müllsack am Körper, die passenden Schuhe dazu, Form Schnabel, vierziger Jahre, wir schrieben das Jahr 1976,  sicher auch aus dem Keller, in dem sie Jahre der Einsamkeit zugebracht hatten. So stand er vor  meiner Haustür. ” Wir haben noch Zeit, moin erstmal, hast ‘nen Kaffee fertig ?? ” “Sicher, komm rein.” Es fehlte nur noch dass er nach Mottenkugeln gestunken hätte, als er an mir vorbei die Wohnung betrat. ” Wo haste denn dein Gepäck?” “Noch im Auto, haben ja noch viel Zeit, erstmal ‘n Kaffee und ‘ne Zigarette.” Wie schon so häufig, wenn es um seinen Urlaub ging, musste man ihm die Würmer einzeln aus der Nase ziehen. “Wann geht der Dampfer? Haste denn gleich ‘ne Zugverbindung in Korsör? Wann geht der Flieger? Mit wem fliegste denn überhaupt?” Schleppende Antworten, dann aber nur kurz und bündig, “Um sechs. Ja. Mit Sterling.” ” Möchtest du noch essen?” “Nö, krieg alles an Bord.” “Willst du dich noch umziehen, bevor du losfährst ?” “Nein, mach ich im Flieger, ist aber warm bei dir. Man, kannste nicht die Heizung drosseln, kostet doch soviel Oel!” “Wolfgang wir haben Minusgrade und es ist gerade mal 22° hier.” “Na ich muss was ausziehen sonst ersticke ich.” Erst fiel die ominöse Jacke auf, Nadelstreifen in beige, mit riesigen Reverts. Darunter kam ein blauer Pullover zum Vorschein. “Den zieh’ ich auch besser solange aus. Man ist dat ‘ne Hitze hier.” Der nächste Pullover kam zum Vorschein, diesmal in grün, ein böses giftiges Grün. Danach noch ein grüner, aber etwas dünner und diesmal in Tanne. ” Sag mal hast du keinen Mantel mit?” “Doch, den hab ich noch im Auto, den musst du mir, wenn du mich wieder abholst aber mitbringen.” “Warum hast du den denn nicht angezogen, anstatt der Pullover,” lautete meine Frage.” Die bekam ich nicht mehr in den Koffer und mein Handgepäck ist auch schon voll.” “Kannst du mir mal verraten, warum du überhaupt diese Dinger mitschleppst?” Ich muss dazu sagen, dass ich es gelernt habe, farblich aufeinander abgestimmte Sachen zu tragen, ich war nämlich im Textileinzelhandel tätig und außerdem versuchte ich den neusten Trend mitzumachen, also immer modisch gekleidet zu sein. Wolfgang hatte noch nie Geschmack gehabt, was die Zusamenstellung seiner Kleidung betraf, aber was hier heute an den Tag kam, war einfach nur grauslig. “Die Sachen tausche ich oder verschenke sie unten. Die können es gut gebrauchen und ausserdem bringt’s noch ein paar Zigaretten.” Na dann, dachte ich!

Als es an der Zeit war aufzubrechen, plünnte er sich wieder an, gab mir seinen Auto-und Hausschlüssel und wir fuhren zum Hafen. “Vergiss bloss nicht den Mantel mitzubringen wenn du mich abholst!” “Werde ich schon nicht, keine Angst.”

Als wir am Pier ankamen, den Wagen geparkt hatten,  ist ja in Kiel nicht so leicht mit den Parkplätzen und sein Gepäck aus dem Kofferraum hievten, glaubte ich es nicht. Nein, es konnte doch nicht möglich sein?? Der grosse Koffer, der als erster zum Vorschein kam, war aus Pappe, so wie die Flüchtlinge aus Pommern sie hatten, mit Hanfstricken zugebunden. Eine aus  Lederimitat bestehende Schultertasche, bei der oben der Reissverschluss nicht ganz geschlossen,  weil nicht genug Platz für die Utensilien darin war, und drei Einkaufstüten aus Plastik. Eine von C&A und zwei von Aldi. Sie waren aus Sicherheitsgründen auch mit einem Strick versehen und oben mit einem Holzknebel zum Tragen ausgestattet. “Damit der Tütengriff nicht reißt,” war die lakonische Begündung. Nun konnte ich es nicht länger aushalten, ” Wuffi,” so war sein Spitz- oder Kosename, “Wuffi du siehst aus, wie ein Penner, richtig wie ein Obdachloser, so kann man doch nicht ins Flugzeug steigen und nach Asien reisen!!!” “Wieso, bleibt doch alles unten, kenn ich schon.” “Tu mir bloss einen Gefallen und geh drei Meter vor mir, wenn uns jemand sieht!”  “Stell dich nicht an, pack an und los geht’s.” Der Koffer war wahnsinnig schwer, “Haste da ein Klavier drin?” “Nee, aber Dosen mit Süssmilch und Orangen, ausserdem noch Marmelade – bekommt man unten so schlecht” “Und? Hast du mal das Gewicht geprüft?” “Klar, der Koffer wiegt 37kg.” “Du darfst doch nur zwanzig Kilo haben?” “Ach das macht nichts, wenn die meckern, pack ich eben um, dann geht das mit ins Handgepäck.” Die Zuversicht meines Freundes und sein Optimismus waren schon fast bewundernswert. Ich dachte bei mir, nein, du könntest nicht so reisen. Am Schiff mussten wir uns verabschieden.” Schreib ja schnellstens, ob du heil angekommen bist,” ermahnte ich ihn. “Jaja, wird gemacht, tschüss!” “Tschüss Wolfgang, gute Reise , einen schönen Urlaub und komm gesund wieder.” Eine kurze Umarmung, dann dackelte er, von hinten aussehend wie ein alter Mann, der alle seine Besitztümer immer mit sich herumschleppt, weil er kein zu Hause hat, durch die Halle zum Passagierschalter der Stenaline.

…vier Wochen später…

Kiel. Im Januar. Aussentempertur minus 14°. Gefühlte Temperatur minus 40°. Stenalineterminal. Eisiger Wind. Wolfgangs und meine besten Freunde,  Hanna und Rolf, wollten unbedingt mit, um den Asienfahrer abzuholen. Anders als heute, kamen derzeit die Fähren in der Nacht in Kiel an. Wir konnten innerhalb der Halle aber warten und von der Eiseskälte draußen war nichts zu merken. Nach einer wie es uns  vorkam endlosen Warterei,  kamen die Positionslampen des Schiffes in Sicht. Nach einer geraumen Zeit und dem unvermeidlichen Anlegemanövers, kamen die ersten Passagiere von Bord. Dazwischen, klein im kurzärmeligen Hemd, mit Shorts und  Sandalen bekleidet, den Kriegskoffer in der einen,  etwas Undefinierbares in der anderen Hand, unser Wuffi. Strahlende Augen, braungebrannt  und von der Sonne ausgeblichenes Haar, stand er vor uns. Den Mantel hatte ich ja mit, aber keine lange Hose und auch kein Schuhwerk! Er hatte unsere Blicke wohl bemerkt. “Ich weiss , ich weiss , schweinekalt draussen,” war der erste Kommentar nach einer freudigen Begrüßung. Er sah, nachdem er den pelzgefütterten Wildledermantel angezogen hatte, genauso skurill, wie bei der Abfahrt aus. Dicker Mantel, aber nackte Beine und Füße – barfuss in Zehentretern. Den Pappmachekoffer trug Rolf, seine Schultertasche ich und dieses undefinierbare bunte Ding trug er selbst. So eilten wir schnellstens ins Auto, hier fing er dann doch an zu klappern und meckerte über meine Vergesslichkeit der langen Hose wegen. Ich wusste ganz genau, er hatte nichts davon geschrieben, dass er halbnackt aus einem Land mit 35° plus in einen normalen Winter zurückkommen würde. Zu Hause angekommen, gab’s einen Grog, eine heiße Dusche und ein kuscheliges Bett. Das Bett aber erst sehr, sehr viel später, denn es gab natürlich erstmal viel über den Flug, die Schiffsreise und die Verpflegung auf diesen Fortbewegungsmitteln zu erzählen, bevor der Kern, nämlich das strahlend schöne Land Sri Lanka, ehemals Ceylon, Topbrabane, Ceilan, Garten Eden in den Vordergrund trat und Wolfgang in einer Hymne aus Überschwang, Verzückung und Begeisterung von diesem Eiland zu berichten anfing. Meine Sinne nahmen alles dieses auf, versuchten es zu verarbeiten, aber Wuffi hatte recht wenn zwischendrin immer wieder der Satz fiel: “…. ihr könnt es euch einfach nicht vorstellen …..”

Nein, Vorstellen konnte ich es mir nur schwer, aber nur vorstellen???   Das wollte ich auch nicht. Nach seinen Erzählungen war er im Paradies gewesen und da wollte ich auch hin! Unbedingt! Auf Biegen und brechen!! Mit allen Mitteln! Ohne wenn und aber! Ich musste dahin, komme was da wolle!!!