Anula

Anula……….. einfach riesig, die Kleine! Der erste Gedanke der mir kam war,……. da gehst du nicht rauf! Man stelle sich vor, eine Bretterbude, durch die das Tageslicht fällt, so lose sind die Bretter zusammengenagelt, auf Pfählen die auch nicht gerade stabil und vertrauenerweckend aussehen gebaut, oder besser zusammengeschustert, ca. vier Meter über der Brandung, die nicht nur sanft auf die darunter liegenden Felsen gischtet. Ich als 186cm und fast 90 kg schwerer Deutscher, soll mich darauf begeben um Batiken oder Schnitzereien zu begutachten? Aber wie schon häufig gesagt, man soll nie nie sagen. Es war noch früh am Morgen und mein erster Einkauf, (Sarong, Hemd und Lederlatschen)sollte sein, denn den Tipp, morgens ist es am preiswertesten wenn man handelt, kam von Freunden , die schon hier waren. Man sagte mir das erste Geschäft MUSS getätigt werden, sonst ist der ganze Tag mit Unglück behaftet. Also betrat ich zögernd und vorsichtig die Planken dieses Gebäudes. Dass die Baubehörden so etwas überhaupt genehmigen! Die Ausstellungshalle, ca. 5m im Quadrat, barg aber Schätze von unglaublicher Farbigkeit. Masken in vielen Formen, Buddhafiguren in verschiedenen Holzarten, hervorragend geschnitzt und über allem hingen Batiken, Sarongs, Hemden, Hosen und Kleider an der Decke, die , welch Wunder regendicht war. Im hinteren Bereich standen zwei alte Singer- Nähmaschinen und auf der einen Seite verdeckte ein etwas schmuddeliger Vorhang einen Raum, der nicht gerade groß sein konnte, denn die Seitenmaße dieser Konstruktion waren von außen betrachtet, doch schon mit dem Showroom zu Ende. Oder ?? Mein etwas zaghaftes „ Hello „ brachte Bewegung und Geräusche aus diesem eigentlich nicht mehr vorhandenen Raum. Der Vorhang bewegte sich und aus den hinteren Gefilden schälte sich eine selbst für Singhalesen winzige Person durch den Vorhang, die anscheinend nur aus pechschwarzem Haar bestand. Bis zu den Beinen fiel es vorn und hinten herab. Mit einer energischen Geste warf sie diese Mähne nach hinten und wieder, fast wie bei jedem Einheimischen fielen mir die überweißen Zähne auf. Zwei dunkle Augen betrachteten mich abschätzend aber freundlich und mit der Stimme eines Opernbasses wünschte sie mir ein good morning Sir. Beim zweiten Hinsehen sah sie eher nach einer Roma denn einer Srilankerin aus.“ You want a tea ??““ Danke yes „war meine Antwort und schwupps war sie wieder hinter dem Vorhang verschwunden. Nun begann ein Klappern und Rascheln, unterbrochen von tiefem, guturalem Geplapper. Selbstgespräche ?? Weit gefehlt, der Vorhang lüftete sich und was ich dann sah, verschlug mir den Atem. Ein Hüne für dortige  Verhältnisse schälte sich durch den Vorhang, tiefbraun, muskelbepackt, haariger Brust und einem Gesicht wie aus einem Hollywoodstreifen, baute sich vor mir auf. Bildschön, ebenmäßig und natürlich mit strahlend weißen Zähnen, hielt mir seine Pranke hin….“Guten Tag, willkommen„! Ich muss einen Gesichtsausdruck gehabt haben, der ziemlich bescheuert war, denn er lachte laut auf und auf Englisch sagte er “that‘s all, what I can speak in german language„ Er war der Ehemann der Bassistin , wie sich später herausstellte, die jetzt mit energischer Stimme etwas rief. Er verschwand mit einem, sorry, wieder hinter dem Vorhang und kam nach einigen Minuten mit Gläsern und einem Teller mit braunen wie Bonbon aussehenden Stücken zurück. Hinter ihm die Kleine mit einer dampfenden Silberkanne. Dann wurde es wieder lebendig hinter dem Vorhang und nacheinander kamen erst ein kleines Mädchen, dann zwei Buben, alle im Alter zwischen fünf und acht Jahren aus den hinteren Gefilden. Zu guter letzt noch ein ca. zwanzigjähriger Mann, klapperdürr, bekleidet nur mit einem Sarong, genau wie der Hüne, aber mit genauso weißem Gebiss, denn alle waren unentwegt am lächeln. Er brachte zwei Stühle herein, kaum zu glauben wo die da hinten noch gestanden haben könnten. „Take a seat please“. Na ob mich der Stuhl trug? –  tat er. Nachdem mir der Tee gereicht wurde, heiß und sehr, sehr süß durch diese braunen Stücke, die Jaggery genannt wurden, bombardierte man mich mit Fragen , woher ich komme, wie lange ich bleibe, wo ich wohne, wie alt ich bin. Es nahm mit der Fragerei kein Ende, alle schnatterten  durcheinander. Bis ich auf die Idee kam Gegenfragen zu stellen. Plötzlich veränderte sich der Gesichtsausdruck der Frau, eine tieftraurige Mimik, in sich zusammensinkend, die Hände im Schoss, fing sie an mit dieser tiefen Stimme ihr armseliges Leben vor mir auszubreiten! Ihr vorheriger Laden war beim letzten Monsun zusammengebrochen, die Eltern seien krank, die Saison ist schlecht, ihren Schmuck musste sie versetzten, zwei der Kinder hätten keine Schuluniform und  die Montessorischule die zusätzlich zur normalen Schule von den Kindern besucht wird, ist so teuer geworden. Die beiden Herren saßen jetzt mit geschlossenen Mündern und traurigen Gesichtern und hörten, genau wie ich,  diesen herzerweichenden  Geschichten zu. Mit meinem Bedauern und der Zusage etwas kaufen zu wollen, änderte sich dieses Schauspiel aber in Sekundenschnelle wieder. Alles strahlte, die Zähne kamen wieder zum Vorschein und bei der Nachfrage, an was ich denn da dachte zu kaufen, war kein trüber Gesichtsausdruck  zu sehen. Als erstes bekam ich Sarongs angepasst,  Wickelröcke für Männer, die hatte ich ja schon an den beiden Herren gesehen, Ich stieg in einen dieser bunten Dinger hinein. Mittlerweile schwitzte ich schon wie ein Schwerarbeiter, denn  die morgendliche Brise hatte sich verflüchtigt und  die Sonne knallte unbarmherzig auf die Hütte. Dazu das probieren  der Kleidungsstücke, es ließ mir das Wasser nur so den Rücken herunterlaufen. Leider waren die Röcke viel zu eng, dazu noch meine Hose darunter ……,“ take off your Trowser“  „no no“ „yes yes, no problem“  sie nestelte an meinem Gürtel und da stand ich Weißfisch nun  in Unterhose. Alles lächelte verständnisvoll, warum auch immer und brachte immer neue Sarongs, doch alle zu klein.  „ No Problem wie will make it for you to use „ Schwupps hatte sie ein Maßband zur Hand und versuchte mit ihren dünnen kurzen Armen um meine Taille zu greifen. Ihr Mann kam zur Hilfe und  dann nahmen sie beide Maß. Nachdem dies geschehen war, mit viel Gelächter und leichtem Geschubse, konnte ich meine Hose wieder anziehen, alles war so natürlich und unkompliziert. Nun musste ich mir noch die Qualität aussuchen. Es gab Fabriksarongs und Handbatik Sarongs, aus Seide genauso wie aus Baumwolle, die natürlich viel schöner und einmaliger waren, als die maschinell gewebt bedruckten,  denn wie der Name schon sagt, Handbatik, eine aufwändige Sache , aber dazu später mehr.  Ich zeigte auf einen grünen Sarong, der im unteren Bereich  mit Elefanten bemalt war. „No Problem“  war die lakonische Antwort,  in zwei Tagen ist er fertig!  Ha dachte ich, wie das wohl zu schaffen ist. Dazu aber noch ein Hemd ! Wieder musste ich mein Hemd ausziehen und wieder ging die Messerei los, diesmal  bemaß mich aber der Herr des Hauses, weil die Frau wirklich zu winzig war um auch nur an meine Schultern zu kommen. Der Dünne saß die ganze Zeit auf dem Boden, mit verklärtem Gesicht, etwas abwesend und leicht mit dem Oberkörper schaukelnd. Komischer Kauz war mein Gedanke. Wenn ich seinen Blick einfing, waren sofort die Zähne wieder sichtbar. Na ja , vielleicht verkatert?  Egal, Die Maße waren genommen und nun ging es wieder um die Farbe.  Weiß wollte ich, Stoffbahnen wurden gebracht aus verschiedenen Materialien. Ich entschied mich für einen Batist aus Baumwolle, sehr leicht und fast durchsichtig. Man schwatzte mir dann noch einen zweiten Sarong auf und ein schon fertiges Hemd, das ich gleich anzog. Nun musste ja auch noch der Preis ausgehandelt werden. Nachdem auch dieses geregelt war, ich war der Meinung ein Schnäppchen gemacht zu haben, fing der Hüne mit dem  Traumbody an zu reden. Er bot mir an, eine Maske für mich zu schnitzen. Ich vertröstete ihn aber auf den übernächsten Tag, wenn meine Klamotten fertig sein würden. Zwei Tage später. Wieder am frühen Morgen,  waren die Sarongs wirklich fertig und……. passten!! Anula war happy, „Nice, beautifull, you look great “ waren nur einige ihrer Schmeicheleien  und ich? Ich kam mir vor wie ein Elefant im Rock. Zumindest war es luftig. Zu luftig, denn mir rutschte dieses zwar schöne, aber ungewohnte Kleidungsstück immer herunter und ich stand da in Badehose, die ich schon aus Sicherheitsgründen angezogen hatte.  Mit ihren behänden kleinen Händen fummelte sie mir vor dem Bauch an diesem Tuch herum und versuchte mir zu erklären, wie ich es sicher knoten musste. Es gab zwei Wege dieses Ding zum halten zu bringen. Einfach einen Knoten machen, dann sah der Sarong aber ziemlich schief und unpassend aus, oder die einheimische Variante. Anula rief den Hünen Baba, so sein Name und er nahm es in die Hand, mir die traditionelle Weise des Sarongbindens zu zeigen. Man nehme beide Enden des Tuches in je eine Hand, schlage es auf jeder Seite nach innen, sodass man die beiden äußeren Rockteile vor dem Bauch hat und schlug dann einen  speziellen Knoten, der nach einigen Testversuchen auch hielt und obendrein noch einen Zipfel übrig ließ, den man zur Not als Geldbeutel benutzen konnte. Auch Bewegungen wie  Bücken, Gehen oder sogar schnellerem Laufen, konnten ihn nicht so ohne weiteres öffnen. Außerdem wurde ich durch praktische Anwendung  Babas noch eingewiesen dieses Kleidungsstück als Badehose zu nutzen……..                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     eine etwas pikante Sache von einem Mann die praktische Anwendung zu erlernen, denn dazu musste er mir in den Schritt gehen, alles zurechtrücken und den Sarong von  hinten nach vorne durch die Schenkel ziehen und über dem Knoten so einzustecken dass es aussah wie eine Pluderhose aus dem letzten Jahrhundert.

Baba war sowieso ein Phänomen,. Dieser Hüne für singhalesische Verhältnisse, mit Händen wie Klodeckel, war Maskenschnitzer und der Ehemann Anulas, die mindestens drei Köpfe kleiner war als er. Er hätte sicher in jedem Gladiatorenfilm eine nicht nur gute Figur gemacht, die Frauen hätten sich für diesen Beau die Haare gegenseitig ausgerissen. Toller Körper, ausgesprochen männliches Gesicht, eine Stimme wie Samt  und Augen, bernsteinfarbig  immer freundlich schauend. Auch als Mann kann man nicht neidlos an ihm vorbeischauen. Dieser Typ brachte mir nun die traditionelle Tragweise eines Sarongs bei.  Sein eigentlicher Beruf war der des Maskenschnitzers. Gelernt hat er sein Handwerk in Ambalangoda, der Hochburg der Schnitzereien. Er schnitt nun aus den verschiedensten Hölzern die traditionellen Snakemasken, Buddhastatuen mit einer Präzision und Fingerfertigkeit, einfach nur bewundernswert. Damit nicht genug, abends nach eintretender Dunkelheit, beleuchtet nur von einer Kerosinlampe bemalte er die Schnitzereien in allen Farben der Welt und  so fein, grandios. Er benutzte dazu verschiedene Pinsel aus Katzenschwanzhaar, verriet er mir. Wie er sie beschaffte wollte er aber nicht erzählen.  Auf jeden Fall musste ich eine Maske haben und gab sie auch gleich in Auftrag.